Muskeln Heilen!

Seit zwei Jahren besuche ich regelmäßig das Fitnessstudio. Die Arbeit für Odysso ist zwar abwechslungsreich und interessant. Doch Recherche und Organisation für die Beiträge ist letztlich Büroarbeit. Und das bedeutet: sitzen. Um mich dem Verfall entgegenzustemmen, versuche ich wenn möglich zweimal die Woche mein Fitnesspensum an diversen Maschinen zu absolvieren. Dass das Training mir physisch und psychisch gut tut, spüre ich. In der Recherche für diesen Beitrag lerne ich erstmals, warum das eigentlich so ist.
Muskeln produzieren heilsame Botenstoffe

Professorin Bente Klarlund Pedersen hat in ihrem Institut für Stoffwechselkrankheiten in Kopenhagen die entscheidenden Entdeckungen gemacht: Sie konnte zeigen: Muskeln sind mehr als nur Kraftmaschinen. Sie produzieren – wenn man sie im Training richtig fordert – heilsame Botenstoffe. Pedersen hat sie Myokine getauft: „Muskelbotenstoffe“. Die dänische Medizinerin sagt: ”Wenn man seine Muskeln nicht trainiert, dann produziert man auch nicht genügend Myokine. Beim Muskeltraining kommen Myokine aus dem Muskel und beeinflussen alle Organe.“
Ich möchte wissen, was das konkret bedeutet und besuche das sportmedizinische Institut der Uni in Mainz. Prof. Perikles Simon, der Leiter des Instituts, wird mir eine anständige Trainingseinheit verpassen. Und anschließend die Veränderung in meinem Myokinspiegel im Blut analysieren. Mit dem Ziel, zu klären, wie ich genau vom Training profitiere. Nach dem Abnehmen der Blutprobe muss ich auf den Fahrradergometer. Auf meine Frage, wie ich den größtmöglichen Effekt in Punkto Myokinausschüttung erzielen kann, erklärt der Sportmediziner, dass ich mich richtig anstrengen muss und ordentlich ins Schwitzen kommen sollte. Schließlich haben wir für die Trainingseinheit auch nur 20 Minuten Zeit.

Myokine wirken im ganzen Körper
Das erste Myokin, das als solches erkannt wurde, ist das Interleukin 6. Es hat viele positive Wirkungen. So stärkt es das Immunsystem und wirkt Entzündungen entgegen. Außerdem befördert es – wie Insulin – die Aufnahme von Zucker in die Muskelzellen. Dadurch kann das Myokin Diabetes verhindern, oder frühe Diabetes vom Typ 2 heilen. Segensreich ist auch das Myokin VEGF. Ein Stoff, der das Wachstum von Blutgefäßen anregt. Damit kommt es auch allen Organen zu gute, Gleich ob Herz, Gehirn oder Niere. Außerdem entspannt VEGF Blutgefäße. Ein willkommener Effekt, der hilft, den Blutdruck zu senken. Auch Interleukin 15 gehört zu den Myokinen. Es hilft dem Immunsystem und befördert außerdem die Verbrennung des gefährlichen viszeralen Fetts aus dem Bauchgewebe. Zudem wirkt es auch in den Muskeln direkt: Es ist ein Signal, mehr Eiweißstoffe einzulagern und fördert so das Wachstum der Muskeln.

Ordentlich ins Schwitzen geraten
Jetzt muss ich auf dem Ergometer echt kämpfen. Lange nicht mehr so geschwitzt. Aber Perikles Simon lässt mich noch etwas weiterstrampeln.
Und das aus gutem Grund. „Wir brauchen jetzt auch ne ordentliche Anstrengung, um Effekte zu erreichen. Das ist ja mittlerweile in der Trainingspraxis sehr en vogue, dass man sich eher intensiver und kurz belastet, beispielsweise beim Spinning im Fitnessstudio. Dem ist auch nichts Negatives entgegenzusetzen. Die Leute brauchen aber die Grundphysis, um das so betrieben zu können und müssen gesund sein.“
Doch auch wer körperlich nicht so fit ist, kann die segensreichen Myokine produzieren. Bei einem Spaziergang etwa. Allerdings sollte man dann häufiger und länger unterwegs sein, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Als ich schweißgebadet vom Ergometer steige, erklärt mit der Mainzer Sportmediziner: „Wir sollten die Blutabnahme auch direkt nach der Belastung machen, denn man unterscheidet da auch zwischen den Hormonen, die direkt bei der Belastung gebildet werden und den Hormonen, die sich erst nach einer Weile erst wirklich einstellen.“
Das hat sich gelohnt

Am nächsten Tag bin ich wieder im Institut. Perikles Simon hat die Blutproben auswerten lassen. Und ich bin gespannt darauf, was der Sportmediziner gefunden hat. Er hat verschiedene Diagramme, auf denen die Werte für Stoffe im Blut vor und nach dem Training dargestellt sind. „Zunächst mal können wir bestätigen, dass Sie sich wirklich sehr heftig belastet haben. Da sehen sie den Stresshormonanstieg, das ist das Zehnfache, wie es auch zu erwarten war. Genauso der Lactatwert, also die Milchsäure in ihrem Blut auch um der Zehnfache angestiegen. Das heißt, es war eine sehr knackige anaerobe Belastung. Und dann können wir uns mal Myokine ankucken. Da ist beispielsweise der Gefäßwachstumsfaktor, der ist noch nicht so ans Laufen gekommen. Andere Klassiker, die typischen Myokine sind angestiegen: Zum Beispiel das IL6. Da wird die Energiebereitstellung optimiert. Das Fett schmilzt dahin. Die Leber wird in ihrer Tüchtigkeit gestärkt.“
Und was hat es mir unterm Strich gebracht? Der Sportmediziner erklärt mir, dass mein Herzkreislaufsystem davon profitiert und dass ich etwas für den Fettabbau getan habe. „Wenn sie das regelmäßig machen, dann haben sie auch die Regeln der Weltgesundheitsorganisation eingehalten und damit sicherlich einen positiven Effekt für ihre Gesundheit bewirkt.“

Für mich bedeutet das vor allem: meinem Fitnessstudio werde ich wohl weiter die Treue halten.

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